«Plötzlich ging es nicht mehr um Medizin im klassischen Sinne, sondern um Menschlichkeit, Präsenz und Mitgefühl», Gynäkologin Nina Schönbauer im Interview über das Überbringen schwerer Nachrichten
Wenn im Ultraschall kein Herzschlag des Kindes mehr zu sehen ist, verändert sich der ärztliche Auftrag von einem Moment auf den anderen. Dr. med. Nina Schönbauer, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und Oberärztin am Stadtspital Zürich Triemli, beschreibt im Interview, wie sie solche Situationen erlebt: die eigene Betroffenheit und erste Orientierung, das Aussprechen der Diagnose und die Verantwortung, Eltern in einem verletzlichen Moment klar, wertfrei und zugewandt zu begleiten. Sie erzählt auch, was ihr im Team Halt gibt, wie sie als Fachperson gesund bleiben kann, wenn sie Eltern in einer existenziellen Krise begleitet und warum es in diesen Momenten nicht nur um medizinisches Wissen geht, sondern um Präsenz, Menschlichkeit und Mitgefühl.
Nina, wie bist du das erste Mal mit dem Thema Kindsverlust konfrontiert worden?
Ich kann mich noch genau daran erinnern. Es war ein früher Schwangerschaftsverlust während meiner Assistenzzeit. Eine Patientin kam mit Blutungen und musste im Notfall untersucht werden. Ich führte die Ultraschalluntersuchung durch und realisierte sofort, dass ich komplett überfordert war. Nicht nur fachlich, sondern auch emotional.
Damals wurde mir bewusst, dass einem in solchen Momenten das gesamte Wissen aus dem Studium nur bedingt hilft. Die Fakten allein tragen einen nicht durch diese Situation.
Hat sich dein Umgang mit dem Thema des frühen Kindsverlustes im Lauf der Jahre verändert?
Wichtig war für mich zu merken, dass es meinen Kolleg:innen ähnlich erging wie mir, dass eigentlich niemand wirklich darauf vorbereitet ist, obwohl wir alle solche Situationen erleben. Der Austausch mit erfahrenen Kolleg:innen, besonders mit meiner damaligen Oberärztin, hat mir sehr geholfen. Ich habe ganz konkret gefragt: «Was mache ich jetzt? Was ist wichtig?»
Mit der Zeit wurde mir klar, dass ich mehr Werkzeuge brauche. Nicht nur für die akuten Momente, in welchen ich den Eltern erklären muss, dass ihr Kind gestorben ist, sondern auch im Vorfeld: Fortbildungen, Gespräche mit Hebammen, Wissen über Kommunikation und Trauerbegleitung. All das hat mir geholfen und dazu geführt, sicherer zu werden.
Welche Situationen begegnen dir besonders häufig?
Sehr häufig sind frühe Schwangerschaftsverluste. Diese werden im Klinikalltag manchmal fast routiniert behandelt, obwohl sie für die betroffenen Frauen und Paare oft sehr emotional sind. Da neigen wir als Fachpersonen manchmal dazu, eher die medizinischen Fakten zu sehen.
Dann gibt es Situationen, in denen eine Schwangerschaft zunächst völlig unauffällig verläuft und plötzlich ist im Ultraschall keine Herzaktion mehr zu sehen. Das sind Momente, die mich sehr berühren.
Du bist als Ärztin die Person, die eine solche Diagnose den Eltern mitteilen muss. Wie gehst du mit dieser Herausforderung um?
Ich empfinde das als grosse Verantwortung. Oft ist die Situation zunächst nicht eindeutig. Die Eltern hoffen noch, aber manchmal spürt man, dass sie bereits ahnen, dass etwas nicht stimmt.
Wenn ich im Ultraschall sehe, dass kein Herzschlag des Kindes mehr vorhanden ist, denke ich oft zuerst: «Vielleicht täusche ich mich?» Ich schaue noch einmal aus einem anderen Winkel und kontrolliere erneut. Und gleichzeitig kommen Fragen von den Eltern: «Ist alles okay?»
Das Schwierige ist genau diese Gleichzeitigkeit: Ich muss mich selbst erst orientieren und den Eltern Sicherheit geben. In meinem Kopf laufen viele Gedanken gleichzeitig ab: «Wie sage ich den Eltern, dass ihr Kind gestorben ist? Wie halte ich den Raum? Wie kann ich da sein, ohne einfach nur Informationen zu liefern?»
Und ja, wenn ich dann ausspreche, dass ich keinen Herzschlag mehr sehe, wird es real: Das Kind ist verstorben. Das macht es schwer.
Gibt es Dinge, auf die du besonders achtest, wenn du solche Nachrichten übermitteln musst?
Ja. Mir ist wichtig, dass die Frau sich nicht in einer verletzlichen Untersuchungssituation wiederfindet. Ich lasse niemanden mit entblösstem Bauch liegen, während wir schwierige Gespräche führen. Es soll Augenhöhe entstehen.
Ausserdem versuche ich, Orientierung zu geben und klar zu kommunizieren: Was ist gerade geschehen? Was sind meine nächsten Schritte? Durch wen erhalten sie als Eltern nun weitere Unterstützung? Selbst kleine Informationen orientieren die Eltern, sich in dieser Ausnahmesituation zurechtzufinden und mir helfen sie, mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren.
Ich glaube, man darf dabei auch berührt sein. Die Eltern merken ohnehin, wenn einen etwas bewegt. Wichtig ist, trotzdem präsent und klar zu bleiben.
Viele Fachpersonen erleben in solchen Situationen Sprachlosigkeit. Kennst du das auch?
Ja, absolut. Es gibt diese Angst: «Wenn ich es ausspreche, wird es endgültig». Dann sagt man vielleicht erst einmal: «Wir schauen noch mal», obwohl eigentlich schon klar ist, dass etwas nicht stimmt.
Es hilft mir, mich selbst zu fragen: «Woher kommt diese Sprachlosigkeit? Will ich die Eltern schützen? Halte ich den Schmerz selbst nicht aus? Oder fehlt mir gerade die Zeit und Ruhe?» Diese Reflexion ist wichtig.
Du hast über die herausfordernden und schweren Momente gesprochen. Gibt es auch Situationen, bei denen du sagen würdest: Da ist unserem Team Vieles gut gelungen?
Ja, davon gibt es viele in meiner Erinnerung. Was ich besonders wichtig finde: Auch bei einer Schwangerschaftsbeendigung verlieren Eltern ihr Kind. Da ist die Herausforderung in der Begleitung besonders gross, weil mögliche Bewertungen mitschwingen könnten. Frauen oder Paare haben dafür sehr feine Antennen. Ich finde es wichtig – und ich erlebe es bei uns im Team auch so –, dass wir auch in diesen Momenten wirklich wertfrei begleiten. Dass wir dies genauso als Kindsverlust anerkennen und behandeln. Dass es genauso wichtig ist, Erinnerungen zu schaffen und präsent zu sein. Dies ist unsere Haltung als Team.
Es berührt mich, wenn Eltern dann auch rückmelden, dass sie sich getragen gefühlt haben. Dass sie das Gefühl hatten, wir seien wirklich da gewesen.
Wie sorgst du nach herausfordernden Erlebnissen für dich selbst?
Das Gute am Krankenhaus ist, dass man solche Situationen im Team bewältigt. Wir arbeiten sehr interprofessionell: Hebammen, Psycholog:innen, Seelsorger:innen und Sozialdienstmitarbeitende können Teil der Begleitung sein.
Wir sprechen auch im Team darüber. Wie geht es uns gerade? Wer kann welche Aufgabe übernehmen? Wenn jemand selbst belastet ist, berücksichtigen wir das. Ich glaube, wenn wir im Team Halt haben, spüren das auch die Eltern.
Und wie schaffst du es, längerfristig einen Ausgleich zu finden?
Mir hilft Bewegung sehr. Wenn ich nach Hause gehe und laufen kann, spüre ich meinen Körper wieder. Dann kehrt mein Gleichgewicht zurück.
Und mein Hund ist tatsächlich ein guter Lehrer für Achtsamkeit. Mit ihm draussen zu sein, hilft mir, wieder ins Leben hineinzukommen.
Manchmal reicht im Dienst aber auch schon etwas Kleines: tief durchatmen, sich mit kaltem Wasser das Gesicht waschen und im eigenen Körper ankommen.
Gab es Erlebnisse, die dich nachhaltig geprägt haben?
Ja. Ich erinnere mich an den Moment bei einem Ultraschall, als ich zum ersten Mal bei einem Kind am Termin keine Herzaktion feststellte. Darauf kann man als Ärztin nicht vorbereitet sein. Man kann darüber lesen oder davon hören, aber wenn man es selbst erlebt, ist es etwas völlig anderes.
Ich weiss noch genau, wie hilflos ich mich fühlte. Es gab nichts zu «reparieren». Es gab keine Lösung, keinen Plan A oder B. Plötzlich ging es nicht mehr um Medizin im klassischen Sinne, sondern um Menschlichkeit, Präsenz und Mitgefühl.
Trotz aller Schwere: Was bedeutet dir dein Beruf?
Ich finde wirklich, dass es der schönste Beruf ist, den es gibt. Weil wir so nah am Leben sind und manchmal eben auch am Verlust.
Diese Nähe macht den Beruf so intensiv. Aber sie ist auch ein großes Privileg. Wir dürfen Menschen in existenziellen Momenten begleiten. Das ist etwas sehr Besonderes.
Und nun noch als letzte Frage: Was würdest du jungen Assistenzärztinnen raten?
Dass es in Ordnung ist, überwältigt zu sein. Wir sind nicht nur Ärztinnen, sondern auch Menschen.
Und dass man langsamer werden darf. Tief durchatmen. Man sollte sich fragen: Was gibt jetzt Sicherheit – für mich und vor allem für die Eltern? Oft braucht es weniger Aktionismus, als man denkt. Präsenz ist wichtiger. Einfach da zu sein.
Das Interview wurde im Mai 2026 von Eva Zumbühl, Mitarbeiterin Fachprojekte kindsverlust.ch und Hebamme, mit Dr. med. Nina Schönbauer, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und Oberärztin am Stadtspital Zürich Triemli, geführt.



